Freier Fall

12.04.2020

Diese Geschichte zum Thema "Baumgeschichten" entstand im Rahmen des Ingolstädter Schülerschreibwettbewerbs 2016.

 

Ein kalter Herbstwind weht durch meine morschen Äste.  Für September sind die Temperaturen dieses Jahr schon extrem tief gefallen, dieses Wetter schlägt mir wirklich aufs Gemüt. Dies ist ein Grund, weswegen ich den Herbst schlecht leiden mag. Doch eigentlich hat er auch seine guten Seiten, denn es ist die Jahreszeit in der sich etwas Großartiges ereignet hat und darüber möchte ich dir eine kleine Geschichte erzählen.  Eine kleine Geschichte, in der ich dir erklären werde, wie ich zum bedeutendsten Wissenschaftler der neueren Zeit wurde. Mein Ziel ist es, dein Denken zu verändern, dir die Augen zu öffnen und einige Klischees zu beseitigen. Wobei, kann man das ein Klischee nennen, dass ihr denkt, Bäume seien nur dazu da, Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff umzuwandeln? Ich weiß ja nicht so recht. Wie dem auch sei. Meine Geschichte beginnt vor ziemlich genau 100 Jahren. Im Herbst des Jahres 1560, wenn ich mich recht erinnere. Es war Anfang September als mich ein kleiner Junge, Sohn eines Bauernpaars, aus seinem Apfel pulte. Nein, ich bin nicht etwa ein Wurm, falls du das jetzt denkst. Zu dem Zeitpunkt war ich noch ein kleiner Kern, verborgen im weißen Fruchtfleisch eines leuchtend roten Apfels. Der Junge saß auf einer Bank, die notdürftig aus einigen Brettern gezimmert worden war, vor einem Tisch aus grobem Holz. Er war noch so klein, dass seine Füße den Boden nicht berühren konnten. Hungrig biss er in den Apfel und verschlang ihn so schnell, als hätte er seit Tagen nichts gegessen. Nachdem er mich aus der Frucht hervorgeholt hatte, verließ er mit dem Apfelstrunk in der Hand die Hütte, und ließ mich auf dem Tisch liegen. Das Kerngehäuse samt meiner fünf Brüder gab er dann den Schweinen zu fressen. Glaube ich zumindest. Kurz bevor der Junge zurückkam, hörte ich nämlich das Grunzen der Schweine, die sich in einem kleinen Gehege im Hinterhof aufhielten. Aus dem Hof erklang die Stimme des Kleinen, der mit dem Bauern, seinem Vater redete. Es gelang mir jedoch nur, ein paar Wortfetzen aufzuschnappen. „Gute Idee… Mach‘ ich…. Danke Vater“. Ich dachte mir nichts weiter. Als der Bub in die Stube zurückkehrte, legte er mich in seine kleine Hand und rannte schnell wieder hinaus, vorbei an seinem Vater, der gerade auf dem Boden kniete und das Schweinegatter reparierte, vorbei an der Mutter, die den Hof fegte, kletterte fix über den Zaun, der das Grundstück der Familie von den Feldern trennte. Leichtfüßig und unbeschwert lief der Junge über die große Wiese, bis er irgendwann anhielt sich bückte und das wuchernde Gras berührte. Kurz hielt er inne, nickte schließlich, bevor er mich auf den weichen Boden legte und begann, ein paar Zentimeter weiter einzelne Grasbüschel auszureißen, bis vor ihm irgendwann braune Erde zum Vorschein kam. Dann krempelte er die Ärmel seines zerschlissenen Hemdes zurück und begann ein Loch in die freigerupfte Stelle zu graben, hierfür formte er mit seinen Händen eine Art kleine Schaufel. Er grub immer weiter, buddelte, wie ein kleiner Hund, bis er scheinbar mit der Tiefe des Loches zufrieden war, mich vorsichtig hochhob und in die Vertiefung legte. Ganz behutsam, als sei ich zerbrechlich, deckte er mich mit der Erde zu, die er zuvor aus dem Loch geholt hatte. Der Kleine hatte mich eingepflanzt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass aus mir einmal etwas werden würde. Der Herbst zog vorüber und jeden Tag kam der Junge zu mir, um nach mir zu sehen. Du hättest das Glänzen in seinen Augen sehen müssen, als ich zum ersten Mal das Tageslicht erblickte. Wie stolz er war. Jahr um Jahr verging, irgendwann kam er nicht mehr. Trotzdem wuchs ich unaufhaltsam weiter, ich hatte mir vorgenommen, ein großer und mächtiger Apfelbaum zu werden. Fest in der Erde verwurzelt. Ich sog jeden Regentropfen gierig in mich auf, genoss jeden einzelnen Sonnenstrahl. Jahr für Jahr. Irgendwann war es soweit. Meine Äste waren breiter geworden, meine Wurzeln tiefer, mein Stamm dicker. Es geschah eines Herbstes: Ein kleiner Apfel hing an meinem schönsten Ast. Ich wünschte, der kleine Junge hätte dies sehen können. Naja, klein wird er wohl nicht mehr gewesen sein, doch zu gerne hätte ich diesen Moment mit ihm geteilt. Ich stand also dort. In der Ferne konnte man einen dunklen Klecks erblicken, das Bauernhaus. Um mich herum nur hohe Gräser und irgendwo dazwischen stand ich mit meiner leuchtend roten Frucht. Doch leider pflückte niemand meinen ersten Apfel, weshalb mein Ast träge wurde, ihn nicht mehr halten konnte und schließlich, wie es die Natur so wollte, zu Boden fallen ließ. Du weißt nicht, wie schmerzhaft es für mich war, mit ansehen zu müssen, wie so ein hässliches, gefräßiges Eichhörnchen den für mich schönsten Apfel vertilgte. Wie es seine Zähnchen in mein Wunderwerk bohrte. Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Wenn Bäume weinen könnten, so hätte man mich mit einem reißenden Fluss vergleichen können. Doch wer sein Ziel erreichen will, muss manchmal auch die Zähne, ähm die Rinde zusammenbeißen. Jeder große Baum verliert schließlich einmal seinen ersten Apfel, und dass mein erster Apfel nicht mein wichtigster sein würde, wusste ich damals noch nicht. Und wieder verging Jahr um Jahr. Mit jedem neuen Frühling wurden meine Äste kräftiger, dicker und es hingen von Herbst zu Herbst immer mehr Früchte in meiner Baumkrone. Oh wie stolz ich war! Nach einiger Zeit, wir schreiben das Jahr 1642, das Jahr meines zweiundachtzigsten Geburtstags wohlgemerkt, begann ein Farmer das alte Bauernhaus mit seiner Frau wiederaufzubauen, die beiden erwarteten ein Kind und mir schien es, als wolle der Mann seine Familie durch die Landwirtschaft über Wasser halten. Er erweiterte den Zaun im Hinterhof und grenzte ein großes Gebiet damit ein. Auch meine Wiese. Er hatte mich also praktisch eingesperrt. Stutzig hatte er mich angeguckt und gemurmelt wie er denn hier ein Weizenfeld anlegen könnte, wenn ich mitten im Weg stünde. Ich befürchtete schon das Schlimmste und mir stellten sich die Blätter im Nacken auf, er wollte mich doch hoffentlich nicht fällen? Gott sei Dank hatte er Erbarmen mit mir und ließ mich wachsen. Ich glaube, er war glücklich im Herbst meine prächtigen Äpfel ernten zu können. Hätte er zu diesem Zeitpunkt doch gewusst, dass er den nächsten Herbst gar nicht mehr miterleben würde. Denn eines Tages kam der Farmer nicht mehr. Den Tag darauf auch nicht. Auch die Frau kam nicht mehr. Normalerweise konnte ich trotz der Entfernung erkennen, ob die Fenster des Hauses geöffnet waren oder nicht. Die Dame öffnete eigentlich so gut wie jeden Tag die Fenster, doch in dieser Oktoberwoche blieben die Fenster verschlossen. Und in der Woche darauf. Und ich der Woche danach auch noch. Bis schließlich eines geöffnet wurde. Nur dieses eine offenstehende zwischen all den verschlossenen Fenstern. Am Tag darauf trat die schwangere Bauersfrau aus dem Haus, gehüllt in ein schwarzes Gewand, und für mich war die Sache somit klar. Tage der Trauer gingen vorüber, das Haus wirkte tot, als sei die Seele aus ihm gewichen, obwohl die Frau mit ihrem ungeborenen Kind darin lebte. Drei Monate später, im kalten Januar 1643, ward das Kind geboren. Es war eine verschneite, düstere Zeit. Das Kind, ein kleiner Bengel, ward Isaac gerufen. Es verbrachte eine herrliche Kindheit mit seiner Mutter in dem Bauernhaus. Die Frau verkraftete den Tod ihres Gatten nie so wirklich, fand jedoch schnell einen neuen Lebensgefährten, der Isaac als Ersatzvater diente. Die Zeit verflog, der Junge wuchs immer schneller, war schließlich fünf Jahre alt und spielte mit seinem Stiefvater auf meiner Wiese mit einem Ball, balancierte mit neun Jahren auf meinem Zaun, kletterte mit zwölf Jahren in meinen Ästen, pflückte mit 16 Jahren am Fuße meines Stammes Blumen für seine Angebetete, wanderte mit 18 Jahren schließlich mit seinem Rucksack auf den Schultern winkend aus dem Dorf und dann, dann sah ich ihn eine lange Zeit nicht mehr. Fünf Jahre war der junge Mann in der weiten Welt verschwunden. Studieren, das wollte er immer. Hatte er zumindest gemurmelt, als er vor Jahren versuchte, nicht vom Zaun zu fallen. Das Geld hätte womöglich sogar gereicht, denn der Stiefvater von Isaac war wohlhabend gewesen und hätte sein Studium finanzieren können. Und während der Junge vermutlich studierte, verweilte ich weiterhin einsam auf meinem Feld, weit draußen und für die Zeit, in der der Junge verschwunden war, machte sich auch niemand die Mühe meine Früchte zu pflücken, weswegen sie zu meinem Entsetzen fünf Jahre in Folge den Eichhörnchen zum Opfer fielen. Und da fragte ich mich, im letzten der fünf Jahre, wieso meine Äste nur so schwach waren, und nicht in der Lage waren, einen Apfel in der Luft zu halten. Denn egal wie schön, klein, rund, prächtig, rot, gelb, grün meine Äpfel waren, immer, aber auch wirklich immer fielen sie nach einiger Zeit zu Boden. Außer jemand pflückte sie, was in den letzten vier Jahren jedoch nicht der Fall gewesen war. Meine Äste waren doch so stark und dick geworden. Sie müssten es doch schaffen eine Apfel zu tragen, der bestimmt weniger als ein halbes Eichhörnchen wiegt. Bevor du auf die Idee kommst, mir vorzuwerfen, ich sei mit meinen einhundertundsechs Jahren senil und meine Äste morsch und schwach versichere ich dir, mein Holz war immer noch so stark wie damals, als ich ein kleiner Setzling war. Ich beschäftigte mich den ganzen Herbst hindurch mit dieser Frage, denn so schwer waren meine Früchte wirklich nicht und es konnte doch nicht sein, dass ich den kleinen Nagetieren meine roten Schätze immer auf dem Silbertablett präsentierte. Mit jedem Mal, wenn eine reife Frucht auf dem Boden landete, fühlte ich mich so, als würde jemand an meinem Apfel ziehen. Eine magische Kraft, die Bäumen die Äpfel raubte? Ein Dämon? Ein Geist? Eine überirdische Kraft? In diesem Moment realisierte ich, dass ich etwas entdeckt hatte. Vielleicht saß im Inneren der Erde ein Ungeheuer mit großen Klauen, das jegliche Früchte zu sich in die Unterwelt ziehen wollte. Meine Äpfel zum Beispiel. Leider kamen ihm dann wohl oft die Eichhörnchen in die Quere. Aber dies hätte auch erklärt, wieso die Karotten der Nachbarn oft in der Erde verschwinden. Von wegen Kaninchen! Unterirdisches Monster, im Hades lebend, das sich an den Reichtümern der Menschen bereichern möchte. Wieso hatte ich dies nur nicht vorher begriffen?! Doch was sollte ich mit meinem neu errungenen Wissen machen? Es gibt viele Vorteile, ein Baum zu sein: Man steht fest im Leben, trägt Früchte, wächst immer weiter, doch der einzige Nachteil ist, dass es meinen Gleichgesinnten und mir nicht möglich ist zu sprechen, folglich konnte ich meine Entdeckung niemandem mitteilen. Schnell musste eine andere Idee her. Die einzige Möglichkeit, die Welt an meiner Theorie der erdinneren Kraft teilhaben zu lassen, war, sie einem Menschen zu erzählen. Dies konnte ich jedoch wegen der fehlenden Kommunikationsmöglichkeit nicht. Also ließ ich das Thema der Vermittlung zwischen Baum und Mensch kurz bei Seite und überlegte fieberhaft, wem ich mein Geheimnis anvertrauen könne. Für die Kommunikation würde ich schon noch eine Lösung finden. Auf Anhieb fiel mir niemand ein. Die Landstreicher, die ab und an jenseits meines Zaunes an mir vorbeiwanderten, konnte ich vergessen, denn sie hielten nie sonderlich lange. Die Witwe und ihr neuer Mann kamen mich kaum noch besuchen, also kamen auch sie nicht in Frage. Ihr Sohn Isaac wanderte gerade in der Welt umher also konnte ich auch ihn nicht in meine Geheimnisse einweihen. Welch einsamer Baum ich doch war! Doch in dem Moment kam mir wieder in den Sinn, was der Stiefvater gemurmelt hatte, als es ihn neulich zum ersten Mal seit Monaten in meine Ecke des Feldes verschlagen hatte. „Mein Junge, endlich kehrt er nach Hause zurück. Nur noch zwei Wochen, oh welch Vorfreude!“ Isaac würde zurückkehren. Isaac. Das war die Idee. Jener junge Mann, gerade mitten im Studium, voller Lebensfreude, Elan und Motivation. Wenn sich Isaac seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe, nicht verändert hat, wäre er perfekt dafür, meine Idee in die Welt hinauszutragen. Jetzt konnte ich nur noch hoffen, der Junge würde mich besuchen kommen, wenn er bei seinen Eltern zu Gast war. So wartete ich noch 14 Tage, jeden Tag die magische Kraft beobachtend. Jeden einzelnen Tag fürchtete ich mich vor den Klauen des Monsters. Hoffentlich kam Isaac bald! Nach langem Warten, der Herbst war fast vorbei, hörte ich aus dem Landhaus Musik ertönen. Menschen strömten in das Anwesen, mir schien als würde ein Fest gefeiert werden. Das Fest zur Rückkehr des Jungen! Er war angekommen. Das Fest ging vorüber, der Tag seiner Ankunft. Es folgten ein paar Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, doch niemand leistete mir Gesellschaft. Am sechsten Tag von Isaacs Aufenthalt, ich hatte schon fast aufgegeben, sah ich plötzlich einen schwarzen Punkt in der Landschaft, der sich auf mich zu bewegte. Der Punkt kam immer näher, ich erkannte Umrisse, eine Silhouette. Mein Junge! Ehe ich mich versah, stand er vor mir. Welch schöner, erwachsener, junger Mann. Und wie groß er geworden war. Mit langem schwarzen Mantel, dichten Locken, schmalem Gesicht, dunklen Augen. Er ging einmal um meinen Stamm herum, vermutlich war er beeindruckt von meiner stattlichen Größe, denn in den letzten fünf Jahren war ich ja doch weitergewachsen. Dann ließ er sich zwischen all den kaputten Äpfeln auf dem Boden nieder und lehnte sich mit dem Rücken an meinen Stamm. Das war der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Die Kraft! Ich musste mit ihm reden. Doch wie sollte ich ihm meine Idee nur mitteilen? Genau über Isaacs Kopf hing mein letzter Apfel in diesem Jahr, der noch schöner war, als es mein allererster gewesen war. Und plötzlich spürte ich die Kraft wieder. Sie zerrte an meinem Apfel, an der Frucht über dem jungen Mann. Ich hielt mit aller Kraft dagegen, denn ich wollte Isaac, der von alledem nichts mitbekommen hatte, nicht verletzen. Ich gab mir größte Mühe, doch ich merkte, wie mein Ast nachließ. Und dann, dann spürte ich, wie mein Apfel geradewegs nach unten fiel. 

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